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NRW Jusos – Magazin

21. September 2026

Jeder für sich und der Staat gegen alle?

Ein dunkler Raum, ein Bett und die Stille. Wäre da nur nicht immer dieses ständige Gedankenkreisen. Bin ich zu viel? Kann ich zu wenig? Werden meine Träume alle in Erfüllung gehen, oder werde ich an der Erwartungshaltung, die ich mir selbst auferlege, scheitern? Nicht essen können, nicht schlafen können, konstant angespannt sein und dabei dieses Gefühl im Hinterkopf, dass irgendwas nicht richtig ist, aber du gar nicht genau in Worte fassen kannst, was es ist. Was bleibt sind häufig Ohnmacht und Niedergeschlagenheit. Mit Freund*innen und Familie darüber zu reden ist schwer. Noch schwerer ist es, wenn man niemanden hat, mit dem man darüber sprechen kann.

28%

der Menschen in Deutschland sind jährlich von einer psychischen Erkrankung betroffen

Was ich hier beschreibe, kommt vielen von euch sicherlich bekannt vor. Ihr seid damit nicht allein. 28% der Menschen in Deutschland sind pro Jahr von einer psychischen Erkrankung betroffen. Hilfe ist häufig schwer zu finden, sich selbst zu helfen nicht einfach. Als wäre die Verunsicherung, die Betroffene verspüren, nicht schon genug, ist die schwarz-rote Koalition jetzt auch noch mit der Abrissbirne durch die Psychotherapie gegangen. Was bleibt ist vielleicht kein kompletter Trümmerhaufen, aber das Fundament ist stark beschädigt, der Versorgungssektor akut einsturzgefährdet.

Die Psychotherapie in Deutschland steht schon lange auf wackeligen Beinen. Das dürfte kaum überraschen, wenn man selbst schon mal nach einem Therapieplatz gesucht hat. Ewig lange Wartezeiten, unzählige Absagen. Und die Last, die auf einem liegt, wird mit jeder dieser Absagen immer schwerer. Obwohl jährlich nur 18,9% der Betroffenen von psychischen Erkrankungen Kontakt zu Behandler*innen aufnehmen, konnte das bisherige Behandlungsangebot den Bedarf nicht abdecken. 2023 waren pro Quartal etwa 1,86 Millionen Menschen bei 31.924 niedergelassenen Psychotherapeut*innen in Behandlung. Schon hier konnte die Wartezeit bis zu sechs Monate betragen.

Dieses Problem ist aber doch schon lange bekannt: Spätestens seit der Pandemie sind Themen der psychischen Gesundheit von einem Randthema zu einem Hot Topic geworden. Damit rückten auch die verschiedenen Fallstricke der psychotherapeutischen Versorgung in den Fokus. Man sollte davon ausgehen, dass ein Sozialstaat, der sicherlich nur das Beste für seine Bürger*innen möchte sich der Problemlage annehmen wird, oder? Doch wie so oft liegen hier zwischen der Theorie und Praxis Welten. Seit diesem Jahr steht die Psychotherapie in Deutschland sogar unter zusätzlichem Druck und das hat zwei entscheidende Gründe.

GKV MAUERT UND PSYCHOTHERAPEUT*INNEN ZITTERN

Der erste Schlag gegen die psychotherapeutische Versorgung ereignete sich Anfang des Jahres. Der Erweiterte Bewertungsausschuss (EBA), ein Schiedsgremium, welches Konflikte zwischen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und dem Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassenvereinigung (GKV) schlichtet, hat entschieden, dass die Honorare für Psychotherapeut*innen in der ambulanten Psychotherapie um 4,5% gekürzt werden sollen. Diese Entscheidung steht ganz im Sinne der Sparmaßnahmen im Gesundheitssektor.

4,5%

Honorarkürzungen sehen die Sparmaßnahmen vor

Diese Regelung trat am 01. April in Kraft und hat verheerende Folgen. Praxen in der ambulanten Psychotherapie könnten dadurch tausende Euro Verlust im Jahr machen. Das wirkt sich auf die Behandlungsqualität aus. Praxen könnten dazu gezwungen sein mehr Selbstzahler*innen und Privatpatient*innen aufzunehmen, um den Honorarausfall zu decken, da diese nicht in der Gesetzlichen Krankenversicherung sind und somit mehr Geld einbringen. Das würde wiederum dazu führen, dass Kassenpatient*innen bei der Therapieplatzsuche das Nachsehen haben. Zusätzlich drohen im schlimmsten Fall Praxisschließungen, wenn die fehlenden Einnahmen nicht gedeckt werden können. Die Leidtragenden dieser Misere wären vor allem Menschen im ländlichen Raum. Hier ist die Dichte an Therapeut*innen ohnehin sehr dünn und könnte durch potenzielle Schließungen noch weiter abnehmen.

Die Honorarkürzungen sind nach einer Klage der KBV erstmal ausgesetzt worden. Ein Grund zum Aufatmen? Das ist noch nicht sicher. Das Damoklesschwert der potenziellen Verdienstausfälle, schwebt nach wie vor über den Therapeut*innen.


DER STAAT, DIE ABRISSBIRNE UND DIE PSYCHOTHERAPIE

Als wären die Herausforderungen nicht schon groß genug, hat die Bundesregierung nun auch noch ihre Pläne zur Budgetierung in der Psychotherapie durchgedrückt. Das Ziel: Sparen! Sparen! Sparen! Konkret heißt das, dass Krankenversicherungen nur noch begrenzt Leistungen übernehmen werden. Die gesetzlichen Krankenversicherungen werden also immer weniger zahlen, je länger die Therapie dauert. Therapeut*innen müssten die Zahl der Sitzungen kürzen, damit sich die Behandlung für sie rechnet. Das „Aktionsbündnis für Psychotherapie” warnt, dass 2/3 der niedergelassenen Psychotherapeut*innen wegen dieser Maßnahmen überlegen ihre Praxis zu schließen, andere wollen ihren Kassensitz aufgeben. Neueinstellungen sind schon jetzt auf einem absoluten Tiefpunkt.

1,5 Jahre

könnte bald die Wartezeit auf einen Therapieplatz betragen

Die Wartezeiten für eine Therapie können jetzt auf bis zu 1 ½ Jahre steigen. On top kommt dazu, dass angehenden Psychotherapeut*innen die Lebensgrundlage unter den Füßen weggezogen wird. Eine Ausbildung in der Psychotherapie kostet die Auszubildenden um die 25.000 Euro. Laut den aktuellen Reformen würden sie in ihrer Ausbildung aber nur 6,95€ Stundenlohn kriegen. Es ist nur logisch, dass viele sich nun fragen, ob ihr Berufswunsch sich überhaupt rentiert.


SPAREN! SPAREN! SPAREN! ABER ZU WELCHEM PREIS?

Bei vielen Krankheitsbildern und den dahinterstehenden Biografien (Menschen!) ist es notwendig eine Langzeittherapie zu machen. Der Mensch und die individuellen Bedürfnisse, die zum Erfolg der Behandlung führen, sollten hier im Fokus stehen. Ist dies nicht der Fall, kostet das im Zweifelsfall Menschenleben. Ein Glücksspiel, an dem die Bundesregierung bereitwillig partizipiert.

Was es eigentlich braucht? Ausbau der Versorgung statt Abbau. Mehr Bausteine statt Abrissbirne. Laut RKI werden die psychischen Probleme in der Bevölkerung weiter zunehmen. Soziale Isolation durch Social Media, steigende Lebenshaltungskosten, Klimawandel, Kriege, der weltweite Rechtsruck und viele andere Faktoren führen dazu, dass Menschen mehr und mehr verunsichert sind. Die Regierung muss sich nun fragen, ob sie denjenigen, die Hilfe brauchen die Hand ausstrecken möchte, oder, ob sie dabei zusieht, wie die Menschen an ihren Problemen verzweifeln. Menschlich wäre letzteres auf jeden Fall nicht.


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